Schulungsmaterial für die Jungjägerausbildung
4 Rehwild

| Bezeichnungen | Männlich | Weiblich |
| 1. Lebensjahr | Bockkitz (AK 0) | Rickenkitz (AK 0) |
| 2. Lebensjahr (ab. 01.04.) | Jährling (AK 1) | Schmalreh (AK 1) |
| ab 3. Lebensjahr (ab 01.04.) | Bock (AK 2) | Ricke (AK 2) |
4.1 Unterscheidung von Sommer und Winter
Auch wenn die Böcke abgeworfen haben, sind die Geschlechter selbst auf größere Entfernung gut zu unterscheiden. Bei weiblichen Stücken (auch bei Rickenkitzen) ist in der Winterdecke die Schürze zu sehen (bis zu 10 cm langes, helles Haarbüschel am Feuchtblatt), die in der Sommerdecke fehlt. Böcke haben keine Schürze; in der Winterdecke ist der Pinsel deutlicher zu sehen als in der Sommerdecke.

4.1.1 Unterscheidung zwischen männlichem und weiblichem Rehwild anhand der Art des Nässens

4.1.2 Unterscheidung von Ricken und Schmalrehen im Mai/Juni
| Ricke | Schmalreh |
| Ricken (Jagdzeit: 01.09. bis 31.01.) Vor dem Setzen hochbeschlagen Nach dem Setzen Spinne zu sehen (spitz von hinten zwischen den Keulen)Kitze werden in der Regel abgelegt. | Schmalrehe (Jagdzeit: 16.04. bis 31.01)Weder hochbeschlagen noch Spinne |
| Ab Anfang Juni wird die Unterscheidung zwischen Ricken und Schmalrehen sehr schwierig (u. a. dadurch bedingt, dass die Vegetation immer höher wird und man daher die Spinne nicht mehr sehen kann). | |

4.2 Der Haarwechsel (verfärben) erfolgt zweimal jährlich
Frühjahr: Mai/Juni rötliche Färbung
Herbst: September/Oktober graubraune Färbung
Der Haarwechsel im Frühjahr verläuft sehr auffällig (beginnend an Haupt und Träger), im Herbst dagegen sehr unauffällig.

4.3 Wildbretgewichte (aufgebrochen)
Böcke: 15 bis 20 kg; Ricke: 14 bis 18 kg; Schmalrehe/Jährlinge: 13 bis 15 kg; Kitze: (ab Sept. – Jagdzeit) 10 kg
4.4 Bestätigung im Revier (Pirschzeichen)
Trittsiegel, Fährten, Betten, Fegestellen, Losung, Lautäußerungen (vor allem Schrecken), Abwurfstangen (selten), Direktbeobachtung
4.5 Lebensraum
- Flächendeckendes Auftreten in Deutschland von der Küste bis ins Hochgebirge
- Rehwild ist die anpassungsfähigste Schalenwildart
- Ideal sind abwechslungsreiche Wald-Feld-Gebiete mit reich strukturierten Randlinien, sogenannte grenzlinienreiche Landschaften.
- Ursprünglich Bewohner der Buschlandzone
4.6 Lebensweise
- Im Sommer lebt Rehwild einzeln, im Winter gesellig in Sprüngen.
- Sehr standorttreu
- Wenig ausdauernder Läufer, es zieht in guter Deckung Widergänge und Drücken vor.
- Einzelgänger mit territorialer Lebensweise im Sommerhalbjahr (Revierbildung)
- Im Winter Bildung von „Sprüngen“ vor allem im freien Feld (Zusammenschluss zu Notgemeinschaften ohne feste Rangordnung; mehr Augen sehen mehr und es gibt außerdem mehr Grünäsung als im Wald)
- Soziale Bindung nur zwischen Ricken und ihren Kitzen
- Reviere der Böcke werden im Frühjahr (März/April) nach Auflösen der Sprünge und nach Verfegen des Gehörns abgegrenzt.
- Markierung der Territorien durch „Fegen“ und „Plätzen“ vor allem im Frühjahr und in der Brunft
- Typischer Kulturfolger (sehr anpassungsfähig)
- Sehr standorttreu (geringer Aktionsradius)
- Hinten überbaute Kruppe: Sogenannter Schlüpfertyp, ein Kurzstreckenflüchter
- Rehe sind kaum zählbar, sodass vor allem in Waldrevieren die Bestandsermittlung fast nicht möglich ist.
- Böcke im Sommerhalbjahr mit Muffelfleck oberhalb des Windfangs. Der Muffelfleck kann bei manchen Böcken zur Altersschätzung herangezogen werden (weißer, scharf abgegrenzter Muffelfleck bei jungen Böcken; grauer, verwaschener Muffelfleck bei älteren Böcken).




4.7 Duftdrüsen
Die Duftdrüsen haben folgende Funktionen:
- Reviermarkierung
- Innerartliches „Sich-Finden“
Beim Rehwild gibt es folgende Duftdrüsen:
- Stirnlocke (nur Böcke)
- Zwischen den Schalen (Zwischenzehendrüsen)
- Am Sprunggelenk des Hinterlaufs (Kastanie bzw. Laufbürste)

4.8 Fortpflanzung (Brunft)
Sie wird beim Rehwild Blattzeit genannt und findet Ende Juli/Anfang August statt. Sie heißt so, weil das Fiepen der Ricke/des Schmalrehs (Locklaut) auf einem Buchenblatt imitiert werden kann, um den Bock anzulocken. Die Blattzeit ist für den Rehwildjäger der Höhepunkt im Jagdjahr. Wegen der erhöhten Aktivität ist die Beobachtbarkeit des Rehwilds deutlich besser als in der übrigen Zeit des Jahres – ausgenommen die Frühjahrsmonate April und Mai.
4.9 Brunftverhalten
- Einzelbrunft: 1 Bock und 1 Ricke bzw. 1 Schmalreh zusammen (Kitze werden in der Regel abgelegt)
- Bock folgt Duftspuren und Fieplauten der Ricke bzw. des Schmalrehs
- Bock treibt das brunftige Reh oft mehrere Stunden. Dadurch kann es zur Bildung von sogenannten Hexenringen kommen.
- Ricke bzw. Schmalreh 2 bis 3 Tage brunftig
- Die eigentliche Blattjagd (mit Buchenblatt oder Blatter) ist am Ende der Brunft am erfolgreichsten (04. bis 08.08.).
- Bei schwülwarmer Witterung sind die Böcke am aktivsten.
- Nach der Blattzeit sind die Böcke dann weniger häufig zu sehen. Sie verbringen jetzt viel Zeit ruhend in den Einständen.
Ab September beginnt eine gesteigerte Äsungsaufnahme. Jetzt muss der Winterfeist (Nierenfeist) angelegt werden.
4.9.1 Besonderheit bei der Embryonalentwicklung
Eiruhe – Nach erfolgreichem Beschlag erfolgt zunächst kein weiteres Wachstum der Eizelle.
4.9.2 Tragzeit
Insgesamt 42 Wochen; davon 18 Wochen Vortragszeit (Eiruhe) und 24 Wochen Austragszeit (Beginn im Dezember, Steuerung über Tageslänge, Licht). Sinn der Eiruhe: Sowohl die Brunft als auch die Setzzeit fallen in äsungsreiche Zeiten (bessere Überlebenschancen). Am Ende der Tragzeit werden Kitze des Vorjahres abgeschlagen.
4.9.3 Setzzeit
Mai/Juni, durchschnittlich 2 Kitze (1 bis 3 Kitze). Kitze werden in den ersten 3 Monaten oft abgelegt und sind deshalb recht selten zu sehen. In den ersten 3 Lebenswochen drücken sich abgelegte Kitze bei Gefahr (Hinweise: Mähmaschinen; Wildretter; Wiesen absuchen!). Je höher die Wilddichte, desto größer der Stress innerhalb der Population, desto geringer die Wildbretgewichte, desto geringer die Vermehrung.
Merke: Der größte Feind des Rehwilds ist das Reh selbst!




4.9.4 Säugezeit
Bis in den Winter (November/Dezember). Bereits nach wenigen Tagen wird neben der Muttermilch auch Grünäsung zu sich genommen.
4.9.5 Geschlechtsreife
Im 2. Lebensjahr (territorial meist ab dem 3. Lebensjahr)
4.9.6 Nachbrunft
November/Dezember (Eiruhe entfällt); hier können auch gut entwickelte Rickenkitze (ca. 14 kg) bereits beschlagen werden!
4.10 Bejagungskalender Rehwild
Ähnlich wie für Rotwild lässt sich auch für Rehwild ein Bejagungskalender aufstellen. Aufgrund der Rehwilduntersuchungen von Hermann Ellenberg wurde dieser Kalender auch nach seinem Namen benannt. Für Böcke und Schmalrehe wird eine Bejagung ab Mitte April bis Ende Mai empfohlen. Nach einer ca. 7-wöchigen Jagdruhe werden dann die Böcke in der Blattzeit Ende Juli/Anfang August bejagt. Ricke und Kitze sowie Schmalrehe sollten intensiv ab Anfang September bis Mitte Oktober auf der Einzeljagd bejagt werden. Die weitere Bejagung des weiblichen Rehwilds (Ricken, Schmalrehe, Kitze) erfolgt dann im November oder Dezember im Rahmen einer (oder maximal zwei) Gesellschaftsjagd(en). Ab Januar herrscht auch beim Rehwild Jagdruhe.
4.11 Abwurf- und Fegetermine
4.11.1 Abwerfen
- Alt: Anfang November
- Mittelalt: Dezember
- Jung: Januar
4.11.2 Fegen
- Alt: März
- Mittelalt: April
- Jung: Mai

4.12 Gehörnstufen

4.13 Gehörnaufbau

Der Aufbau des Gehörns erfolgt im Gegensatz zum Rotwild in der äsungsarmen Winterzeit. Gesteuert werden Gehörnaufbau, Abwerfen und Fegen wie bei allen Cerviden durch die Geschlechts- und Wachstumshormone. Beim Ausfall der Geschlechtshormone kommt es zur Bildung eines sogenannten Perückengehörns. Dies geschieht in der Regel durch Verletzung des Kurzwildbrets und dadurch Ausfall des Geschlechtshormons. Das Gehörn befindet sich im Dauerwachstum und wird nicht mehr abgeworfen. Ein Perückenbock kann etwa 2 bis 3 Jahre überleben. Rehböcke mit langen, spitzen Spießen werden auch als „Mörder“ bezeichnet.
4.14 Gehörnabnormitäten

4.15 Gehörn und Gehörnentwicklung bei Bockkitzen und Jährlingsböcken


4.16 Äsung
- Wiederkäuer (Konzentratselektierer)
- Leicht verdauliche, faserarme (cellulosearme) Nahrung
- Nährstoffreiche Nahrung (hoher Mineral- und Eiweißgehalt)
- Kleiner Pansen mit vielen Pansenzotten
- Rehwild „weidet“ daher nicht wie Rotwild, sondern sucht gezielt hier und da („naschhaft“).
- Viele Äsungsperioden (8 bis 12 pro Tag; im Winter 8, im Sommer 12)
4.16.1 Bevorzugte Äsungspflanzen
Kräuter: Schafgarbe, Löwenzahn, Wilde Möhre, diverse Kleearten
Kahlschlagflora: Waldweidenröschen, Himbeere, Brombeere
Forstpflanzen: Tanne, Eiche, Kirsche, Esche, Ahorn, Hainbuche (Triebe und Knospen)
4.16.2 Wildschäden
- Fegen und Schlagen
- Verbiss (Verbissstelle bis ca. 1 m Höhe)
- Achtung: Rehwild schält nicht!!
Durch sein flächendeckendes Vorkommen und den bevorzugten Verbiss der Terminalknospe (Konzentratselektierer) verursacht Rehwild im Wald mehr Verbissschäden als Rotwild!
4.17 Gebiss
- 32 Zähne (nur ausnahmsweise Grandeln)
- M1: Erscheint mit 3 Monaten
- M2: Erscheint mit 6 Monaten
- M3: Erscheint mit 12 Monaten
- Wechsel des p3 vom Milchgebiss (3-teilig) zum Dauergebiss (2-teilig) mit 12 bis 13 Monaten
- Das Dauergebiss ist mit ca. 12 Monaten (im Mai/Juni, zu Beginn der Bockjagd) vorhanden.
- Reifealter: 5 Jahre (die Kunde auf der vorderen Säule des M1 ist abgeschliffen)


Altersschätzung:
M1, vordere Säule Kunde verschwunden ca. 5 Jahre alt
+ hintere Säule auf M1 Kunde verschwunden ca. 6 Jahre alt
+ M2, vordere Säule Kunde verschwunden ca. 7 Jahre alt
+ hintere Säule auf M2 Kunde verschwunden ca. 8 Jahre alt
+ M3, vordere Säule Kunde verschwunden ca. 9 Jahre alt
4.18 Reifealter
5 Jahre (die Kunde auf der vorderen Säule des M1 ist abgeschliffen)
4.19 Wilddichte
10 Stück/100 ha
4.20 Zuwachs
ca. 100 % bezogen auf den weiblichen Frühjahrsbestand am 01.04.
4.21 Jagdzeiten
Böcke (ab Jährling): 16.04. bis 31.01.
Schmalrehe: 16.04. bis 31.01.
Ricken und Kitze: 01.09. bis 31.01.
Zusammenfassung
Rehwild im Jahresverlauf
