Schulungsmaterial für die Jungjägerausbildung

1 Begriffsbestimmung und Allgemeines

1.1 Warum beschäftigen wir uns mit Wildkrankheiten?

  1. Viele Wildkrankheiten können gefährliche Erkrankungen beim Menschen verursachen (sogenannte Zoonosen, z. B. Tollwut, Rotlauf, Hepatitis E, Trichinose).
  2. Einige Wildkrankheiten stellen eine erhebliche Gefahr für Haustierbestände dar (z. B. Schweinepest, Tollwut, Geflügelpest, Maul- und Klauenseuche = MKS).
  3. Eigenschutz; der Jäger muss sich selbst beim Versorgen von Wild vor Krankheiten schützen (z. B. vor Tularämie, Milzbrand, Rotlauf, Brucellose).
  4. Der Jäger ist für die von ihm vermarkteten Lebensmittel verantwortlich (Produkthaftung, sicheres Lebensmittel, Rückverfolgbarkeit).
  5. Der Jäger muss im Rahmen der Hege und des Jagdschutzes für einen gesunden Wildbestand sorgen bzw. das Wild vor Wildseuchen schützen.

1.2 Wildkrankheiten

Wildkrankheiten umfassen alle Krankheiten, die wild lebende Tiere befallen können.

1.3 Wildseuchen

Definition Seuche: Eine Seuche ist eine übertragbare Krankheit, die vermehrt am gleichen Ort und zur gleichen Zeit auftritt. Manche Krankheiten sind immer Seuchen, z. B. Tollwut, Schweinepest, MKS.

Bei Ausbruch oder bei Verdacht des Ausbruchs einer anzeigepflichtigen Wildkrankheit ist der Jagdausübungsberechtigte (JAB) verpflichtet, dies unverzüglich dem Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt (VLA) zu melden. Er muss seuchenverdächtiges Wild auf Verlangen vorlegen bzw. einem staatlichen Veterinäruntersuchungsamt übersenden.

Seuchenverdächtiges Wild muss zunächst so aufbewahrt werden, dass Menschen und Tiere damit nicht in Kontakt kommen können. Soweit Wild nicht zu Untersuchungszwecken benötigt wird, ist es unschädlich zu beseitigen: entweder in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt (TKBA) oder im Jagdrevier 0,5 m tief vergraben, jedoch nicht in Wasserschutzgebieten und nicht in der Nähe von öffentlichen Wegen und Plätzen.

1.4 Anleitung zum Verschicken von Füchsen (bei Tollwutverdacht)

Nach Möglichkeit sollte der ganze Tierkörper eingeschickt werden. Vor allem bei Tollwutverdacht ist die Einsendung des ganzen Fuchses obligat; bei Tieren, die größer als der Fuchs sind, ist das Einsenden des Schädels mit Gehirn zwingend notwendig. Idealerweise wird das Untersuchungsmaterial direkt zum Veterinäramt gebracht; der Versand kann aber auch per Post erfolgen, wobei Folgendes zu beachten ist:

Das Wild sollte möglichst frisch eingeschickt werden. Wenn bereits verwestes Wild ankommt, ist keine Diagnose mehr möglich. Vorteilhaft ist die Beifügung von Trockeneis oder Gefrierelementen für den Transport. Das Untersuchungsmaterial muss flüssigkeitsdicht in einem stabilen Kunststoffsack in einem festen Karton verpackt sein. Der Einsendung wird ein gesondert verpackter Untersuchungsantrag beigelegt, aus dem folgende Angaben hervorgehen müssen:

  • Name, Adresse und Telefonnummer des Einsenders
  • Landkreis und Gemeinde, falls abweichend von obigen Angaben
  • Tierart, Angabe, ob Fallwild oder erlegtes Wild
  • Ggf. beobachtete Krankheitserscheinungen
  • Besonderheiten

Wichtig ist der gut sichtbare Vermerk:  „Vorsicht! Tierisches Untersuchungsmaterial!“

1.5 Zoonosen

Zoonosen sind Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen und umgekehrt übertragbar sind. Zu den Zoonosen zählen:

Virale ZoonosenBakterielle ZoonosenParasitäre Zoonosen
Tollwut
FSME
MKS
Geflügelpest
Hepatitis E
1. Borreliose
2. Strahlenpilz
3. Leptospirose
4. Rotlauf
5. Pseudotuberkulose
6. Ornithose
7. Brucellose
8. Tularämie
9. Salmonellose
10. Tuberkulose
11. Staphylokokken
12. Milzbrand
1. Trichinose
2. Spulwurmbefall
3. Bandwurmbefall
4. Toxoplasmose
5. Sarkosporidiose

1.6 Inkubationszeit

Dies ist die Zeit zwischen der Infektion (= Aufnahme des Erregers) und dem Ausbruch einer Krankheit, bei manchen Krankheiten kann die Inkubationszeit sehr lange sein, z. B. bei Menschen: Tollwut bis zu 6 Monaten, Fuchsbandwurm bis zu 15 Jahren.

1.7 Ursache für das Auftreten von Krankheiten

Zunächst ist das Vorkommen von Wildkrankheiten eine ganz normale Erscheinung, die bei allen Organismen auf der Erde ständig vorkommt. Wildkrankheiten sorgen so für eine natürliche Auslese bei allen Wildtieren. Diese natürliche Auslese ist wichtig für das Überleben von Populationen! Ursachen für das Auftreten von Wildkrankheiten sind:

  • Krankheiten durch Viren, Bakterien, Parasiten, Pilze
  • Schlechte Körperverfassung
  • Genetisch bedingte Anfälligkeit
  • Verkehrs-, Mäh- und Forkelverletzungen
  • Schussverletzungen
  • Ernährungsbedingte Ursachen
  • Chemische Ursachen (z. B. Bleivergiftung, Pflanzenschutzmittel)

1.8 Gründe für seuchenartiges Aufreten von Krankheiten

  • Überhöhte Wildbestände
  • Ungünstige Witterung, vor allem nasskalte Sommer
  • Unsachgemäß entsorgtes seuchenverdächtiges Wild

1.9 Verhinderung bzw. Bekämpfung von Wildkrankheiten

Entsprechende Vorgehensweisen sind:

  • Anpassung der Wilddichte
  • Richtige Entsorgung von Fallwild, Unfallwild, Aufbrüchen und Zerwirkabfällen (auf keinen Fall auf den Luderplatz – dies verbietet das Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz [TierNebG]!)
  • Behördlicherseits: durch Sperrbezirke (z. B. Zäunungen bei der Schweinepest und Impfungen gegen Tollwut und die Klassische Schweinepest [KSP])

1.10 Erkennen von Wildkrankheiten vor oder nach dem Schuss

1.10.1 Am lebenden Stück

  • Verändertes Verhalten: Unsicherheit, Apathie, Vertrautheit, Husten
  • Verändertes Aussehen: verschmutzter Spiegel, verzögerter Haarwechsel, Abmagerung, Geschwüre, Abszesse

1.10.2 Am erlegten Wild

Sämtliche Organe müssen bei gutem Licht auf Größe, Farbe und Konsistenz überprüft werden. Ebenso müssen die Lymphknoten einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden. Vor allem die an der linken Magenseite liegende Milz ist ein hochempfindliches Abwehrorgan gegen Krankheiten. Deshalb ist ein verändertes Aussehen der Milz, vor allem Vergrößerungen, immer ein Alarmsignal!

Sobald vor oder nach dem Schuss ein bedenkliches Merkmal beobachtet wird, (bedenklich für unsere Gesundheit bei Verzehr) muss vor dem Verzehr eine amtliche Fleischuntersuchung (FU) beim amtlichen Tierarzt erfolgen!